BESPRECHUNGEN VON OSTMETAL-TONTRÄGERN


Sampler "Amiga Heavy Metal - Musik aus dem Stahlwerk“ (Amiga, 2009)

20 Jahre nach dem Mauerfall bescheren uns “Amiga“ bzw. “Sony/BMG“ endlich eine langerwartete CD-Box mit Aufnahmen ostdeutscher Metal-Bands. Während seit Jahren der komplette Beat-, Rock- und Popkatalog ehemaliger Künstler aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ausgeschlachtet wird und teilweise recht liebevolle Veröffentlichungen besagter Interpreten zu Tage gefördert werden, besinnt man sich nun endlich auch auf eine Musikrichtung, die in der DDR eher stiefmütterlich behandelt wurde und deren Ausmaß der offiziellen Aufnahmen im Gegensatz zu staatlich-geförderten Superstars Marke PUHDYS, CITY oder KARAT recht überschaubar scheint.
Geboten wird ein gut zusammengestellter Querschnitt der bekanntesten Ostmetalbands, wobei auch auf Material aus dem Rundfunkarchiv zurückgegriffen wurde und somit ein paar sehr seltene Stücke auf der Box zu finden sind, doch der Reihe nach.
Auf der ersten CD präsentieren sich FORMEL I. Die Berliner waren die einzige richtige Metal-Band, die zu DDR-Zeiten ein komplettes Album veröffentlichen durfte. Die Rede ist vom Album “Live im Stahlwerk“, mitgeschnitten im Kulturhaus der Stahl- und Walzwerker in Hennigsdorf im Jahre 1986. Die mit dem etwas irreführenden Titel “Die größten Hits“ benannte vorliegende Zusammenstellung enthält das komplette Album erstmals in remasterter Form und kann sich, im Gegensatz zu anderen eher dürftigen digitalen Nachbearbeitungen aus dem Ostrock-Archiv, durchaus hören lassen. Die bereits Mitte der neunziger Jahre erschienene Erstveröffentlichung auf CD, die von einem kleinen, aber feinen Label herausgebracht wurde, klingt dagegen sehr drucklos und leise, was wohl daran liegt, daß die Original-Masterbänder ohne jegliche Veränderungen übernommen und auf Silberling gepresst wurden.
Nachdem man sich also das komplette “Live im Stahlwerk“-Album in voller Pracht um die Ohren gehauen hat, bekommt man eine ganze Menge Bonusmaterial serviert, welches die vorliegende Scheibe zu einer runden Sache macht. Neben den beiden Tracks der Single aus dem Jahre 1985 (“18 Jahre sein“ & “Mach keine Wellen“) sowie diversen Beiträgen von verschiedenen Sammelalben (“Hiroshima-Kranich“ & “Eddie“) wurden auch Stücke berück-sichtigt, die damals nur für Radiosendungen vorgesehen waren und den Weg nicht auf Schallplatte fanden (“Jenny“, “Sie will weg“, “Hart wie Stahl“, “Letztes Rad am Wagen“ und “Berlin“). Alles in allem also eine gelungene Zusammenstellung, auch wenn ich ganz klar die Fünffach-LP-Box, erschienen bei “Immortal Vinyl“, vorziehe, da dort alle Rundfunk-Produktionen berücksichtigt wurden und obendrein auch unveröffentlichte Liveaufnahmen enthalten sind. Für unsere musikalischen Freunde ohne Plattenspieler oder neue Fans, die sich über den Werdegang der bekanntesten DDR-Metalband einen kleinen Überblick verschaffen wollen, ist diese Scheibe definitiv eine gute Anschaffung, auch wenn eine Doppel-CD mit allen noch erhältlichen Aufnahmen sicher mehr Sinn gemacht hätte.
Die zweite Scheibe widmet sich den Hardrockern BABYLON, die bereits seit den siebziger Jahren existieren, jedoch erst in den Achtzigern größere Achtungserfolge verbuchen konnten. Was diese Band allerdings auf einer Heavy-Metal-Box zu suchen hat, bleibt mir ein wenig schleier-haft, denn die eher seichteren Klänge mit einem leichten AC/DC-Anstrich und eher rock'n'rolligen Einflüssen hätten besser auf eine separate Veröffentlichung gepasst.
Wie auch CD 1 ist diese Scheibe ebenfalls mit dem Titel “Die größten Hits“ versehen worden und enthält zuerst das bisher noch nicht auf Silberling veröffentlichte Album “Dynamit“ aus dem Jahre 1988. Als zusätzliche Songs hat man diverse Single-Aufnahmen sowie ein paar Raritäten und Sampler-Beiträge aus den siebziger Jahren dazugepackt, welche den Hörer aufgrund ihrer doch sehr großen Stilvielfalt ein wenig irritieren, aber dennoch für den Sammler und Die-Hard-Fan interessant sein dürften. Auch hier hat man beim Remastering einen sehr guten Job hingelegt und die Aufnahmen klingen allesamt frisch und druckvoll.
CD 3 hingegen widmet sich diversen Beiträgen von Bands, die lediglich mit ein paar Songs auf verschiedenen LPs glänzen durften. Den Reigen eröffnen MCB mit drei Stücken von der “Kleeblatt No. 22“-LP sowie dem ebenfalls bisher noch nicht auf CD veröffentlichten “Rage Out“ von der “Rockbilanz 1989“-Doppel-LP. Danach folgen PLATTFORM mit den vier Songs der “Kleeblatt“-Platte, bevor wir endlich die komplette “Crash Trash“-E.P. der Haudegen von BIEST erstmals in digitaler Form erleben dürfen!!! Eine große Freude erfüllte mich, daß diese Aufnahmen für die Veröffentlichung berücksichtigt wurden, denn mein Vinyl aus dem Jahre 1989 ist kaum noch hörbar - kein Wunder, denn Singles klangen zu DDR-Zeiten schon im Neuzustand ziemlich schlecht, da sie meist aus Restgranulat und minderwertigeren Rohstoffen (als für Langspielplatten verwendet) hergestellt wurden.
Danach geben sich COBRA mit ihren Songs der “Kleeblatt“-LP die Ehre und den Abschluss bilden HARDHOLZ mit den vier Beiträgen der “Speed Up“-LP. Im Gesamtbild wirkt die Reihenfolge der Bands in meinen Ohren ein wenig unpassend: Während MCB mit ihrem ruppigen, stark an MOTÖRHEAD erinnern-den Sound die CD eröffnen, folgen nach den eher WARLOCK-orientierten PLATTFORM die Thrasher von BIEST, um danach Platz zu machen für die poserhaften Klänge von COBRA, bevor HARDHOLZ mit ihrem erdigen, teils epischen Heavy Metal die CD ausklingen lassen.
Es stellt sich mir die Frage, warum man die Beiträge von MERLIN und HEADLESS (METALL), die ursprünglich auf der “Speed Up“-LP enthalten waren, bei dieser Veröffentlichung außer Acht gelassen hat. Klar gibt das digitale Speichermedium einen limitierten Zeitrahmen vor, aber die vorliegende Zusammenstellung wirkt dann für den Kenner doch ein wenig chaotisch und unstrukturiert. Weiterhin hätte man auf die Beiträge der “Speed Up“-Scheibe vollends verzichten können, da diese bereits im Jahre 1990 auf Vinyl und CD veröffentlicht wurde. Stattdessen hätte man sicher ein wenig im Rundfunkarchiv grasen können, um eventuell bisher nicht veröffentlichte Aufnahmen von PRINZZ/BLITZZ, MCB oder BIEST auf die Scheibe zu packen.
Wir können dennoch froh sein, dass sich “Amiga/Sony BMG“ nach 20 Jahren endlich erbarmt haben, unsere alten Helden endlich auf CD zu veröffentlichen, auch wenn mit dieser Box noch lange nicht alles gesagt ist und wir hoffentlich noch weitere Zusammenstellungen dieser Art geboten bekommen werden.
Klanglich gibt es keine Minuspunkte, aber dafür entspricht das komplette Layout eher einem Billig-CD-Niveau. Es fehlen die Original-Cover der enthaltenen Veröffentlichungen, Bandfotos sucht man vergeblich und die einfach aufklappbare Inlaycard enthält auch nur spärliche Informationen und leider keinen Verweis darauf, von welchen Veröffentlichungen diverse Beiträge stammen. Die Cover-Gestaltung hätte man sicher in kompetentere Hände geben können, aber für einen Preis von 9,99 Euro für drei CDs sei den Machern dieses optische Desaster verziehen.
Wer sich also einen groben Überblick über ostdeutschen Hardrock/Heavy Metal verschaffen will, sollte hier unbedingt zugreifen !!!

(Text: HeRo, Bild: Amiga - Sony/BMG)
 
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